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Syrien – Todenhöfer bringt neue Perspektive in die Debatte ein

“Hart aber fair” sollte es auch am Montag wieder zugehen in der gleichnamigen Talkshow der ARD. Zu Gast waren neben einem syrischen Oppositionsvertreter, dem Journalisten Jörg Armbruster und dem ehemaligen israelischen Diplomaten Avi Primor auch die Bundesvorsitzende der Grünen Claudia Roth und Jürgen Todenhöfer, der gerade in Syrien war, zu Gast.

Nachdem, wie zu erwarten, in der ersten viertel Stunde der Sendung ausführlich über zu Tode gefolterte Kinder, Bombentote und Massakern an der syrischen Bevölkerung gesprochen wurde, kam Todenhöfer zu Wort. Erstaunlich, dass man ihn als letzten in der Runde befragte. Schließlich bereiste Todenhöfer in letzter Zeit oft das Land Syrien. Erst im Februar kam es zu einem Treffen zwischen ihm und Assad, bei welchem vereinbart wurde, ein Interview für das deutsche Fernsehen zu führen. Dieses wurde dann am 9. Juli 2012 in der ARD ausgestrahlt.

“Wer hat diese tausenden Zivilisten umgebracht in Syrien? Die Opposition beschuldigt sie”, so lautete eine Frage Todenhöfers an Assad. “Zunächst gilt es zu klären, wer die Opfer waren. Man kann nicht über die Täter sprechen, wenn man die Opfer nicht kennt. Bei diesen handelt es sich in der Mehrheit um Unterstützer der Regierung. Wie kann man gleichzeitig Verbrecher und Opfer sein?” so die Antwort des syrischen Präsidenten.

“Ich wollte einfach, dass sich der Westen diesen Mann zumindest einmal anhört”, sagte Todenhöfer in der Talkshow.”Ich bin der Auffassung, dass sich alle Konflikte mit Diplomatie besser lösen lassen als durch Kriege. Ich vertrat diese Auffasung vor dem Afghanistankrieg und auch vor dem Irakkrieg. Jetzt verhandelt man mit den Taliban und den Irakern, aber in der Zwischenzeit sind zehntausende Menschen gestorben.” Für Syrien sieht Todenhöfer noch die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung. “Die Chancen dafür räume Assad ein.”

“Wie kann man bei Assad zwischen dreisten Lügen, Halbwahrheiten und Fakten unterscheiden?”

In der Tat ist es schwierig, gesicherte Informationen aus Syrien zu erhalten. Seitens der Opposition bekommt man zwar viele Videos zugespielt, die mit dem Handy aufgenommen wurden, aber es fehlen bestätigte Informationen über Ort, Zeit und die Opfer selbst. Assad hat die Schlagkraft der Generation Smartphone unterschätzt. Aus jedem einzigen Oppositionellen in Syrien ist ein Propagandist geworden. Wer weiß schon, wer da in der syrischen Uniform steckt und gerade vor laufender Kamera ein Verbrechen begeht? Meistens erkennt man die Täter gar nicht. Es könnte jeder sein, der da mordet oder ermodet wird.

Claudia Roth: “Machen Sie es sich doch nicht so einfach, Herr Todenhöfer”

Nach Auffasung von Claudia Roth blieb der Protest in Syrien zunächst “absolut friedlich, kein Schuss sei gefallen”, während der Revolutionen des Arabischen Frühlings. “Doch dann begann das Assadregime diese friedlichen Menschen zusammenzuprügeln, zusammenzuschießen, zu bombardieren und ihre Wohungen zu zerstörten. Das können wir nicht hinnehmen.” Der ebenfalls an der Diskussion beteiligte Vertreter der Exilregierung “Syrischer Nationalrat” Ferhad Ahma, der stets von einem “Massenmörder” sprach, wenn es um den Präsidenten ging, warf ein, dass 17000 Menschen gefoltert worden seien und es gäbe tausende getöteter Regimegegner sowie zehntausende Inhaftierter. Dass diese Zahlen zu hoch gegriffen schienen, war außer der Grünen Roth offenbar allen an der Diskussion beteiligten klar. Todenhöfer hatte nur ein müdes Kopfschütteln zu entgegnen.

Roth: “Das Interview fand ich erschreckend. Es war absolut realitätsfremd und deswegen muss dieses Regime kapieren, dass es abgelöst werden muss. Mit Assad gibt es keinen Kompromiss.”

Todenhöfer: “Ich wußte dass ich kritiert werden würde, aber es gibt viele Menschen, die reden viel darüber, dass man diesen Menschen helfen sollte. Ich helfe dort einer Familie, die in Not gekommen ist. Meine Freunde in Syrien sind alle Mitglieder der Exilopposition und ich halte die Lage in Syrien für wesentlich schlimmer, als Frau Roth dies möglicherweise tut. Aber sie ist anders, als sie hier dargestellt wird. Was diesen Konflikt so schwierig macht, ist dass die Hälfte der Bevölkerung hinter dem Regime steht. Und es ist viel zu einfach zu sagen, da ist ein Diktator, der tötet sein Volk. Das geht völlig an der Realität vorbei. Was dort stattfindet ist ein gnadenloser Krieg zwischen schwerbewaffneten Sicherheitskräften und schwerbewaffneten Aufständigen. Und in diesem Krieg sterben täglich dutzende Soldaten, Rebellen und auch Zivilisten.”

Man solle endlich beginnen, die Lage nicht so einseitig zu betrachten, denn es sind mehrere Parteien an diesem Konflikt beteiligt, fordert Todenhöfer. Roth kontert mit dem Einwurf, Amnesty International würde nun dafür plädieren, dass Syrien auf die “Liste der Schande” kommt aufgrund des Umgangs mit Kindern. Ausserdem erinnert sie sich noch sehr gut an die Debatten als es auch um die “berühmtberüchtigten Gefängnisse und Folteranstalten” in Syrien ging. Roth meint die Debatten während der Bushadministration, wo es um die Flüge der CIA ging, die Terrorverdächtige auf ausländischen Boden brachten, um sie dort zu foltern.

Hart aber fair: Syriendebatte bei der ARD”Also bitte machen Sie es sich nicht so einfach, Herr Todenhöfer, in dem sie alles gleichsetzen”, so Roth. “Es gibt die staatliche Gewalt, es gibt den Terror gegen die Zivilbevölkerung und es gibt natürlich auch Menschenrechtsverletzungen seitens der Rebellen. Aber sie verwechseln Ursache mit Wirkung. Vergessen sie bitte nicht den äußeren Einfluss, der auch Rebellen mit Waffen ausrüstet …und und und. Aber sie versuchen es gleichzusetzen und das ist zynisch.”

Todenhöfer: “Zynisch? Ich bin der einzige hier in der Runde, der mit eigenen Mitteln dort Opfer unterstützt!”

Roth: “Och, jetzt kommen sie doch nicht so daher…”

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